Studienfahrt nach Irland

Studienreise nach Nordirland 12.-16. Juni 2008 – Besuch der fünf nordirischen Gemeinden der Moravian Church: Gracehill, Kilwarlin, Ballindery sowie der zwei Belfaster Gemeinden: Cliftonville Moravian Church und University Road Moravian Church Belfast.

Eine Reise nach Nordirland 

Vom 12. bis 16. Juni unternahm der Verein für Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine – Unitas Fratrum – eine Reise zu fünf Herrnhuter Gemeinden in Nordirland der Britischen Provinz der weltweiten Brüder-Unität. 

Nach Anreise per Flugzeug von den Flughäfen Hahn im Hunsrück und Berlin-Schönefeld und Umtausch von Euro in britische Pfunde trafen wir zur Abendbrotzeit in unserem Quartier, das Tagungsheim Drumalis in der Kleinstadt Larne, 30 Kilometer nordöstlich von Belfast ein. Die Tagungsstätte ist eine ehemalige Industriellen-Villa in traumhafter Lage über der Küste der Grafschaft Antrim. Sie wurde von der ursprünglichen Eigentümer-Familie in der Zeit der Weltwirtschaftskrise an eine katholische Schwesternschaft verkauft, die dort jetzt Tagungen für Erholung und Fortbildung für Berufstätige in Managementberufen und aus dem kirchlichen Raum anbietet. Wir hatten dieses tolle Haus mit riesigem Garten in diesen Tagen mit 19 Teilnehmern überwiegend für uns allein. Später erfuhren wir, dass im Jahre 1916 auch dort Geheimverhandlungen zur Ausrüstung der Iren mit deutschen Waffen geführt worden waren. Am Abend machte Bruder Derrick Woods, Chairman, also etwa Sprecher der Irischen Brüdergemeinen, 3eine Einführung in „Land und Leute“ und die irischen Ortsgemeinden der Moravian Church. Zinzendorf war ja schon in den 1730er Jahren von der Wetterau in Hessen nach London gekommen, um die Arbeit der Mission auf ein sicheres Fundament zu stellen. Das brachte – fast zwangsläufig – den Aufbau englischer und irischer Gemeinden mit sich; mit Menschen, die sich von seiner Form des Pietismus inspirieren und erwecken ließen; im wesentlichen im schon vorhandenen protestantischen Umfeld in Dublin und in Nordirland; dort gibt es heute noch fünf Gemeinden, die wir besuchten. In Dublin gibt es zurzeit nur ein monatliches Treffen innerhalb einer Sozietät. 

Außer den Mitstreitern seiner Pilgergemeinde, die zum englischen Namen unserer Kirche beitrugen, war es vor allen Dingen der Engländer John Cennick (siehe Herrnhuter Bote 07-08/2005), der die Herzen der Menschen erreichte. 

Am Morgen des 13. Juni brachen wir auf, um die Schönheit dieses Landes zu erleben – wenn auch der Temperatursturz von etwa 29°C in der Lausitz auf 14°C in Nordirland zur Mittagszeit als recht heftig empfunden wurde. Wir fuhren auf Straßen an hohen Felswänden die Küste entlang, die den Namen Giant’s Causeway trägt. Nach Rast mit Möglichkeit zum Spazierengehen (zum Baden war das Wasser leider zu kalt), im Hafenstädtchen Cushendall ging es in das internationale ökumenische Begegnungs- und Versöhnungszentrum Corrymeela – oberhalb von Ballycastle, wo seit über zwanzig Jahren viel für den Frieden gebetet und getan worden war. Fast zweihundert Meter über dem Meer (bei traumhafter Fernsicht) gelegen, waren wir etwas traurig, dass wir dieses schöne Plätzchen aus organisatorischen Gründen nicht direkt ansteuern konnten. Wir nahmen dort am Mittagessen und an einem Gespräch mit Andacht mit einem aus Deutschland stammenden Pfarrer teil, der noch 2008 in seine Heimat zurückkehren wollte. Danach erlebten wir an dieser wilden Küste mit Blick über den North Channel auf die schottische Inselwelt den Höhepunkt an Begegnungen mit der Landschaft, mit steilen Hängen, einer in der See stehenden Sammlung von 20 Meter hohen Quadern vulkanischen Ergussgesteins, einer Hängebrücke zu einer vorgelagerten Insel über einen Schlund mit durch die Gezeiten entstehenden starken Meeresströmungen und weiteren Eindrücken. In schöner Abendstimmung ging es zurück in unser Quartier.

Am folgenden Sonnabend standen drei Gemeindebegegnungen auf unserem Programm. Zunächst ging es in den Nordwesten Belfasts nach Cliftonville, wo uns Paul Holdsworth und Edna Cooper von den Schwierigkeiten des Gemeindelebens in der Zeit der Troubles und den ständigen Bemühungen um Austausch und Verständigung mit Vertretern der katholischen Pfarrgemeinden berichteten. Im Jahre 1941 war die Hall, also der „kleine Saal“ dieser Gemeinde durch deutsche Bomber zerstört, später aber wieder aufgebaut worden. Nachmittags waren wir – leider nur für kurze Zeit – Gäste beim Sommerfest der Landgemeinde Kilwarlin in Hillsborough südlich Belfasts. Dort predigte Paul Holdsworths Ehefrau Patsy. Es ist die erste Gemeinde in Nordirland, die 1752 mit einer Predigt für über tausend Menschen von Cennick zum neuen Leben erweckt wurde. Eindrucksvoll ist das Wirken eines Hauptmannes aus dem Befreiungskrieg der Griechen gegen die Türken um 1820, Basil Patras Zula, den es nach Dublin verschlug. Dort lernte er die Moravian Church und Schwester Anne Linfoot kennen. In die Dubliner Gemeinde aufgenommen und frisch verheiratet erhielt er den Ruf nach Kilwarlin, um die sterbende Gemeinde zu retten. Es gelang ihm, nicht nur die Zahl der Gemeindemitglieder zu erhöhen und zu stabilisieren. Er ersetzte auch den noch von John Cennick geschaffenen Kirchensaal durch einen neuen – und gestaltete – ganz erfüllt vom Geist des griechischen Befreiungskrieges den weitläufigen Kirchgarten so um, dass die Schlacht bei den Thermopylen, aus dem Jahre 480 vor Christus nacherlebt werden kann. In einer küstennahen Schlucht Mittelgriechenlands hielt Leonidas, König von Sparta, mit nur wenigen hundert Soldaten solange dem unter König Xerxes angreifenden und weit überlegenen Heer der Perser stand, bis die Griechen die gleichzeitige Seeschlacht bei Artemision vor Euböa beenden konnten, ohne zu verlieren. Mitten in diesem Sommerfest brachen wir wieder auf und fuhren nach Norden Richtung Ballymena zur Gemeinde Gracehill, der einzigen Siedlung mit einer vollständigen Herrnhuter Ortsanlage mit Platz, Kirchensaal, Chorhäusern und Gottesacker in Nordirland. Die Vorstellung, vier, in ihrer Ursprünglichkeit erhaltene Herrnhuter Siedlungen in Gnadau, Gracehill, Christiansfeld (Dänemark) und Bethlehem/Pennsylvania (USA) kämen vielleicht einmal zum Welterbe der Unesco, ist schon faszinierend. Vor dem Empfang durch die Schwestern Roberta Thompson und Jan Mullin, der Gemeinhelferinnen durften wir noch einen Blick in ein repräsentatives Privathaus werfen, das mit gemalten Kopien von im Archiv in Herrnhut lagernden bedeutenden Gemälden der Zinzendorfzeit geschmückt war. Nach Abendessen, Gemeindebegegnung und Singstunde mit Zinzendorfliedern traten wir die Rückreise in unser Quartier an. 

Sonntag, der 15. Juni stand bis 18.00 Uhr ganz für die Innenstadtgemeinde University Road in Belfast und dem Kennenlernen der nordirischen Hauptstadt zur Verfügung. Die Geschwister Paul Holdsworth sowie Maryanne und Derrick Woods und weitere Gemeindemitglieder ermöglichten uns eine intensive Begegnung. Bei einer Stadtrundfahrt mit kleinem Rundgang erlebten wir vor der gewaltigen Town Hall mit der Statue der britischen Königin Victoria eine Demonstration der 

Ortsgruppe Belfast von Amnesty International mit der Aufforderung das (rechtswidrige) Gefängnis von Guantanamo auf Kuba zu schließen, wir erlebten, dass  der große Park mit dem Parlamentsgebäude, dem Stormont, „wegen unvorhersehbarer Ereignisse“ geschlossen war und wir erlebten am Montag auf der Rückreise über den Flughafen von Dublin, dass unser Linienbus an der Staatsgrenze zur Republik Irland von der Polizei auf den Haltestreifen der Autobahn gewiesen und alle Fahrgäste von einem Immigration Officer kontrolliert wurden. Anlass für all diese Erlebnisse war offensichtlich ein Staatsbesuch des US-Präsidenten George W. Bush am Montag, den 16. Juni. Ihm nehme ich bei allen Vorbehalten ab, dass ihm der Friedensprozess in Nordirland ein persönlich wichtiges Anliegen ist, dessen Entwicklung er begleiten will. Nicht weit der Brüdergemeinkirche besichtigten wir auch die – auf Dauer geöffnete – Mauer, die Katholiken und Protestanten zum Schutz voreinander trennte. 

Der Sonntag klang im Westen von Belfast in der Gemeinde von Ballinderry mit einer den Kirchgarten und kleinen Gottesacker prägenden traumhaften Abendstimmung und einem Abendgottesdienst mit Patsy Holdsworth aus. Ganz erfüllt von diesen Eindrücken und voller Dankbarkeit für die erlebte nordirische Gastfreundschaft kehrten wir am 16. Juni nach Deutschland zurück. 

 

Michael Cleve, Herrnhut