Bielefeld 2008

 

Die Jahrestagung 2008 unter dem Thema „ Zukunft der Brüder-Unität – Portrait Friedrich Gärtner “ war vom 26. bis 28. September in Bielefeld-Bethel (Bodelschwing). Bericht von Bruder Siebörger, Oldenburg, den 29. September 2008: 

 

Liebe Geschwister Wüsstegern, 

da Sie leider nicht zur diesjährigen Tagung von Unitas Fratrum – dem Verein für Geschichte und Gegenwartsfragen der Brüdergemeine – kommen konnten, möchte ich Ihnen ein wenig von dem berichten, was wir dort gehört, besprochen und erlebt haben. Wie Sie wissen, fand die Tagung von Freitag, dem 26. September bis heute Vormittag statt. Das Familienferienheim, in dem wir uns getroffen haben, liegt in einer Senke des Teutoburger Waldes am östlichen Rand von Bielefeld. Vom Fenster des Speiseraumes und erst recht vom Platz vor dem Haus hat man einen herrlichen Blick nach Norden hinunter in das Ravensberger Land.  Frühmorgens wurden die Pferde auf der Koppel neben  der Zufahrtsstraße bis zum Hals von Nebelschwaden eingehüllt. Und an beiden Tagen ließ  die Sonne die Wälder ringsum in warmen Grüntönen erstrahlen. Ein Heim also wie geschaffen  für ruhebedürftige Rentner – wenn nicht gerade Jugendgruppen dort feiern. Leider waren wir tatsächlich meist nur Rentner. Jüngere, noch im Beruf stehende Teilnehmer, hätten sicher viele Gespräche belebt. 

 

Noch am ersten Abend hat uns Bruder Jørgen Bøytler, der Unitätsdirektor aus Christiansfeld, seine Gedanken über die Zukunft der weltweiten Brüdergemeine vorgestellt. Er unterschied in der bisherigen Geschichte der Unität zwei Perioden: die der alten Brüder-Unität von 1457 bis etwa 1630 in Böhmen und Mähren und die der erneuerten Brüder-Unität von 1727 bis nach dem Zweiten Weltkrieg. Insbesondere die zweite Periode sei geprägt von der Ausstrahlungskraft der Gemeinden in Europa und den USA. Global sei dies die Zeit der Mission – in Afrika, Mittel- und Südamerika und bis in den Himalaja hinein – und innereuropäisch die Zeit der Diasporaarbeit, unter anderem in Polen und dem Baltikum. Beide Perioden waren dadurch interessant, dass in ihnen eigenständige theologische Gedanken formuliert und in besondere Formen des Gemeindelebens umgesetzt wurden. Sie waren auch für Außenstehende so bedeutsam, dass über sie viel geschrieben worden ist.  

Nachdem sich die ehemaligen Missionsgebiete zu eigenständigen Provinzen entwickelt haben, befinde sich die Brüdergemeine heute in einer dritten Phase, in der sie in der Literatur kaum noch wahrgenommen werde. Das liege vor allem daran, so Bruder Bøytler, dass die Brüder-Unität weder in Europa und den USA noch in den neuen Provinzen,  zum Beispiel in Tanzania, ein deutliches, eigenes Profil habe. Sie habe sich von einer westlichen Kirche, die in Übersee Mission betreibt, hin zu einer globalen Kirche gewandelt mit einer wachsenden Mitgliederzahl im Süden und einer stagnierenden Zahl in Europa und den USA.  

 

Wolle man über die Zukunft der Brüder-Unität eine wertende Aussage machen, so müsse man zuerst klären, worauf man Wert lege. Sei es eine große Mitgliederzahl, ein großer, jedoch nicht messbarer Einfluss auf andere Kirchen oder seien es ein oder zwei bedeutende Ideen, die von anderen Kirchen übernommen werden könnten. Legt man die Vergrößerung der Mitgliederzahl zugrunde, so wirkt sich die Anweisung Zinzendorfs, keine Mitglieder von anderen Kirchen abzuwerben, bis heute in Europa hemmend aus. Im globalen Süden hat man diese Hemmungen nicht. Das Ergebnis sei, wie wir in Tanzania erleben, ein kirchliches Wachstum. Überhaupt kenne man den Begriff der Ökumene dort nicht. Man arbeite zwar mit anderen Kirchen zusammen, aber ohne ein Ökumeneverständnis, wie es sich in Europa gebildet habe. Zum Schluss nannte Bruder Bøytler sechs Punkte, die für die Zukunft der Brüdergemeine wichtig seien, von denen ich nur die folgenden nennen möchte: eine Belebung der Diasporaarbeit in  Europa, eine stärkere theologische Reflexion in der Brüder-Unität in Ostafrika und die Entwicklung einer neuen Struktur der weltweiten Unität. Bruder Bøytler schloss seinen Vortrag mit der Gewissheit, dass die Brüder-Unität so lange an den ihr gewiesenen Orten und mit den ihr gegebenen Mitteln arbeiten werde, wie der HERR es wolle. Leider musste Bruder Bøytler sofort nach dem Vortrag wieder abreisen. Wir hätten gerne mit ihm diskutiert.

Von der Mitgliederversammlung des Vereins am nächsten Vormittag gibt es nichts Aufregendes zu berichten, da keine Wahlen anstanden. Ich persönlich bedaure, dass von den rund 300 Mitgliedern des Vereins nur 20 kommen konnten. Schön war, dass auch einige Gäste dabei waren.

Anschließend gab Bruder Dietrich Meyer ein Lebensbild von Bruder Friedrich Gärtner (1901-1967), den Sie vielleicht von Neuwied her kennen, wo er von 1947 bis 1949 Gemeinhelfer war, oder von Königsfeld aus den Jahren 1949 bis 1954. Aus gesundheitlichen Gründen war er von dort als Krankenhausseelsorger nach Pforzheim gegangen, nach seiner Pensionierung jedoch nach Königsfeld zurückgekehrt, wo er 1967 heimgerufen wurde. Geboren ist Bruder Gärtner 1901 in Herrnhut. Seine Eltern hatten in Grönland im Missionsdienst gestanden, waren aber, als diese Arbeit von Dänemark übernommen wurde, nach Deutschland zurückgekehrt. Kurz nach der Geburt ihres Sohnes Friedrich wurden sie  nach Surinam ausgesandt. 1908 erlitt Friedrich das Schicksal vieler Missionskinder: Er wurde zum Schulbesuch nach Deutschland geschickt. Die Zeit in Niesky ist für ihn mit vielen schlimmen Erfahrungen verbunden. Trotzdem ist er der Brüdergemeine treu geblieben und hat in Herrnhut Theologie studiert. Sein Verhältnis zur Brüdergemeine aber blieb zeitlebens  ambivalent: Auf der einen Seite lehnte er die tradierten Formen in ihr ab, die nur um ihrer selbst willen gepflegt würden, auf der anderen Seite bejahte er mit ganzem Herzen Zinzendorfs Erkenntnis, dass Christus Mittelpunkt der Gemeine und der Verkündigung sein und bleiben müsse. Das verband ihn mit Karl Barth. Allen Ideologien gegenüber war er skeptisch. So hat er die Bedrohung durch den Nationalsozialismus von Anfang an schärfer gesehen als viele seiner brüderischen Kommilitonen und Amtsbrüder und hat sich klar hinter die Barmer Theologische Erklärungen gestellt. 1960 war er es auch, der den Anstoß und die Themen gab für die Gespräche zwischen Karl Barth und Vertretern der Brüdergemeine. Erinnerungen der anwesenden Kinder an ihren Vater rundeten zum Schluss das Bild dieses bedeutenden Theologen ab. 

Nach den Sitzungen am Vormittag war die Besteigung  des Heiligen Berges am Nachmittag eine wohltuende Abwechslung. Sie kennen den Heiligen Berg nicht? Ich kannte ihn bis dahin auch nicht. Ihr Unwissen zeigt nur, dass Sie noch nie in Bethel gewesen sind. Denn Bethel und der Heilige Berg bilden eine Einheit: Die Häuser, die zu Bethel gehören, sind an den Hängen dieses Berges gebaut. Damals als 1865 die ersten Häuser für Epilepsiekranke gebaut wurden, lag die kleine Siedlung noch außerhalb der Stadt Bielefeld. Heute  ist sie ein Stadtteil davon. Die Bezeichnung „heilig“ hat durchaus ihre Berechtigung, wie wir bei der Führung durch Professor Dr. Matthias Benad erfuhren. 1872  übernahm Friedrich von Bodelschwingh die Leitung der Anstalt. Und er tat es mit einer Energie, die alle Vorgaben sprengte: Statt der verabredeten 150 Patienten gab es bald zehnmal so viele, und statt sich nur auf die Pflege Kranker zu konzentrieren, nahm er auch die Ausbildung des Pflegepersonals hinzu, zuerst die der Diakonissen und später auch die der Diakone. Für alle wurden Häuser gebaut, die beziehungsreiche Namen bekamen, meist aus dem alten Testament. So bekam etwa das Diakonissenmutterhaus den Namen Sarepta („Schmelzhütte“). Dort sollten die Seelen der Schwestern und der Kranken durch entsagungsvollen Dienst – beziehungsweise Leiden – geläutert werden wie das Silber in einem Schmelzofen. Diese Vermischung von praktischer Notwendigkeit und theologischer Deutung zieht sich den ganzen Berg hinauf. Zunächst wurden wir durch die Siedlung geführt. Kurz unterhalb des Gipfels konnten wir einen Blick  in die Zionskirche werfen, dem geistigen Mittelpunkt Bethels. Wenig oberhalb davon ist der Friedhof angelegt als Ort der Vollendung allen irdischen Dienens und Leidens. Auch Friedrich von Bodelschwingh und seine Familie sind hier bestattet worden. Schon von seiner Kindheit an hat das Sterben Bodelschwingh begleitet; und er erwartete auch von seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie  den Kranken  ohne Rücksicht auf die  eigene Gesundheit  dienten, und von den Kranken, dass sie  jeden Anfall als Einübung ihres eigenen Sterbens begriffen. Beim Kaffeetrinken in der Mensa der Theologischen Hochschule mussten wir hören, dass hier keine Theologen mehr ausgebildet werden. Auch die Sprachkurse laufen aus. Es bleibt nur eine berufsbegleitende Erwachsenenbildung in Diakoniewissenschaft und -management.

 

Am Abend stellte uns Superintendent i. R. Dr. Christof Windhorst zwei bedeutende Persönlichkeiten der Erweckungsbewegung im Minden-Ravensberger Raum vor. Es sind dies Friedrich August Weihe (1721-1771) und sein Schüler Gottreich Ehrenhold Hartog (1738-1816). Durch das Wirken von Herrnhuter Diasporapredigern in ihren Gemeinden hatten beide auch eine lose Beziehung zu Herrnhut. Von Marie Schmalenbach, einer Lieddichterin, die von dieser Erweckungsbewegung geprägt war, stammt das Lied unter Nummer 1009 in unserem neuen Gesangbuch.

 

Am Sonntagvormittag erzählte uns Professor Dr. Bernd Hey über sein Spezialgebiet, das man grob unter dem Stichwort „Kirchengeschichte vor Ort und Tourismus“ zusammenfassen kann. Kirchen  gehörten heute zu den herausragenden Sehenswürdigkeiten, insbesondere da sie noch so genutzt würden wie vor 1000 Jahren. Darin unterschieden sie sich etwa von Burgen. Führungen durch Kirchen könnten auch Kirchenfernen wesentliche Aussagen des Christentums und Epochen der Kirchengeschichte verdeutlichen. Dabei könnten entweder kunsthistorische Hinweise im Vordergrund stehen oder mehr politisch geschichtliche oder liturgisch-spirituelle. Flyer, Hinweistafeln und schriftliche Erläuterungen sollten auch „Einzelgängern“ ohne eine kundige Führung die notwendigen Erläuterungen geben. So oder so: In jedem Fall  sollte man – auch in der Brüdergemeine – die Führungen als Möglichkeit erkennen, für die Kirche zu werben.  

 

Nach all diesen Zusammenfassungen von Referaten werdet Ihr fragen, ob wir den keinen Kontakt zu den Geschwistern in und um Bielefeld hatten. Aber ja doch! Einige sind regelmäßig gekommen, andere sporadisch. Sie waren zu allen Veranstaltungen eingeladen. Am Sonntagnachmittag fand der 

regelmäßige Gottesdienst statt. Der zuständige Gemeinhelfer, Bruder Niels Gärtner, leitete den Gottesdienst und Bruder Burkhard Gärtner hielt die Predigt. Anschließend gab es die Möglichkeit, sich mit einzelnen Gemeindegliedern zu unterhalten.

 

Nach dem Abendessen haben wir Tagungsteilnehmer noch ein wenig Manöverkritik gehalten. Wir konnten feststellen, dass wir erfüllt und mit vielen neuen Erkenntnissen nach Hause fahren würden. Bruder Kai Dose, der Vorsitzende des Vereins, hat alle Diskussionen souverän geleitet, assistiert 

von Bruder Dietrich Meyer. Schwester Erika Schulz hatte die Organisation voll im Griff. Allen gilt unser herzlicher Dank! Und in diesen Dank schließen wir die Leitung des Hauses mit ein. Vielleicht sollte ich noch erwähnen, dass der junge Koch erst wenige Wochen im Amt war. Er hat uns nicht nur leckere Mahlzeiten bereitet, sondern darüber hinaus die Platten morgens und abends zu kleinen Kunstwerken gestaltet. Dank auch ihm!  

 

Ich würde mich freuen, wenn wir uns im nächsten Jahr vom 2. bis 5. Oktober auf dem Herrnhaag treffen würden. 

 

 

Euer Eberhard Siebörger